Normales Thema Von Panikmache und Troststrategien (Gelesen: 75 mal)
Coma_Black
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Re: Von Panikmache und Troststrategien
Antwort #3 - 30.04.10 um 09:38:53
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Einige kleine Zusätze:

Ich habe weiter oben relativ grob Verallgemeinert und Drogen insgesamt als eine Troststrategie bezeichnet. Tabak bzw. Nikotin unterscheiden sich aber in ein einem für mich wesentlichen Punkt: Rauchen betäubt nicht.

Vielmehr verbessert Nikotin Gehirnfunktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen. Quote:
"Außerdem bestehe eine enge räumliche Beziehung zum dopaminergen Belohnungssystem, einer entwicklungsgeschichtlich entscheidenden Struktur. Sie wirkt auf Funktionen wie Essen, Trinken und Sexualität, die notwendig sowohl für die Existenz des einzelnen Menschen als auch für das Überleben der Art sind. Beim Rauchen belohnt sich der Mensch also ebenso wie bei der Ausführung existentieller Handlungen."

http://tinyurl.com/d7w2xg

Das geben sogar überzeugte Nikotingegner wie etwa das Rauchstoppzentrum (welch einfältige Namenswahl) zu.

Dies dürfte auch erkären, warum das Rauchen allgemein so verdächtig ist, denn die postpuritanische Gesellschaft kompensiert den Sinnverlust und das Wegfallen des metaphysischen Halts mehrheitlich nicht durch eine Verstärkung der sinnlichen Erfahrung, sondern durch Reduktion, also durch Betäubung. Man sehe sich hierzu nur einmal die Vielzahl sogenannter "Light"-Produkte an, das eilfertige Eingreifen des Zensors, wenn ein Kunstwerk ein Zuviel an sinnlichen Reizen bietet, oder die Diskussion um angeblich "satanische" (weil zu laute) Musik.
Es ist nicht mehr das Ziel, alles auszukosten, was einem die Welt bieten kann sondern im Gegenteil strebt man ein Leben als buddhistischer Mönch an, der, um ein Minimum an Leiden zu erfahren, kurzerhand allem weltlichen entsagt. Denn wenn man es streng betrachtet sind alle Sinnesreize in letzter Konsequenz Schmerzen, da irgendwelche äußeren Ursachen auf die Nerven einwirken. Die Gesellschaft setzt somit Schmerzvermeidung um den Preis der Sinnlichkeit als höchste Priorität.
Begünstigt wird das ganze noch durch eine Art Peter-Pan-Komplex, durch die Sehnsucht des sich durch von Politik und Presse eingeimpftem kollektivem schlechten Gewissen schuldig fühlenden Individuums nach dem verlorenen Zustand der Unschuld (den es natürlich nie gegeben hat). Eine Regression ins Infantile ist die Folge - welch guter Boden für den Nanny-Staat, wenn plötzlich alle wieder große Kinder sein wollen. Daß "Basic Instinct" einer der letzten großen Blockbuster war, der noch "erwachsene" Themen behandeln durfte, verwundert in diesem Falle nicht weiter - das gegenwärtige Hollywood-Kino hingegen ist asexuell, natürlich weitgehend rauchfrei und bedient kindliche Vorstellungswelten (auch wenn die gebotene Zerstörungswut oder die Zigarettenpause in "Avatar" teilweise noch die Sittenwächter auf den Plan ruft). Ein unseliger Trend, der sich natürlich auch in allen anderen Bereichen der Erlebniskultur beobachten läßt.

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Abschließend stellt sich mir noch etwas off-topic die Frage, wie dieser tauchende Lehrer eigentlich Schüleraufsätze objektiv beurteilen will, da er sich in seinem Forum weder des Lesens fähig noch in der Lage zeigt, die Dinge ohne ideologische Brille zu betrachten.
Der mir unterstellte Weltschmerz ist doch viel eher sein eigenes Leiden, erkennbar an seinem an Alkoholikergejammer grenzenden Duktus. Aber der Suff war ja schon immer vor allem der Exzess des Puritaners.  Zunge
« Zuletzt geändert: 30.04.10 um 09:41:10 von Coma_Black »  
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Dirk
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Re: Von Panikmache und Troststrategien
Antwort #2 - 29.04.10 um 17:03:11
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Auch ich... Smiley
  

Dirk
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Matrix
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In tyrannos!

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Re: Von Panikmache und Troststrategien
Antwort #1 - 29.04.10 um 06:30:58
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Ich habe dieses Post mit großem Vergnügen gelesen!

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Tu felix Austria fume
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Coma_Black
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Von Panikmache und Troststrategien
28.04.10 um 22:35:15
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Kultur ist pessimistisch betrachtet lediglich ein Ausdruck menschlicher Beschränktheit und Unzulänglichkeit. Der Mensch wird nackt und schutzlos in eine feindliche Welt geworfen, er wird im Laufe seines Lebens mit Situationen konfrontiert, die es zu bewältigen gilt und am Ende all der Mühen steht unausweichlich die einzige Gewißheit: der Tod.

Folgen wir Schopenhauers düsteren Gedanken, ist die menschliche Existenz darüberhinaus vor allem durch Leiden gekennzeichnet: der Mensch leidet, weil ihm etwas fehlt (das kann von Gesundheit über einen Partner oder materielle Gelüste nahezu alles beinhalten) und selbst wenn er alles denkbare und wünschenswerte erreicht hat, leidet er trotzdem weiter, da sich ohne Wünsche und im Zustand völliger Schmerzfreiheit schnell Langeweile breitmacht und in Anbetracht der Sterblichkeit ohnehin alles Mühen vergeblich scheint.

Über die Jahrtausende haben daher schlaue Menschen die Religion als Troststrategie entwickelt. Die feindlichen Mächte (Wetter, Katastrophen, usw.) wurden benannt, als Götter verehrt und in ein System eingebettet. Man konnte, nachdem die Phänomene ersteinmal sprachlich erfasst waren, ganz gut mit ihnen leben - zumal man sich vorgaukelte, die übermenschlichen Mächte seien durch Opfer und Gebete wenn nicht zu kontrollieren, so zumindest beeinflußbar. Das Christentum schließlich bot mit seinem Jenseits das ultimative Trostpflaster - ein Leben nach dem Tod.

Nun sieht in unserer aufgeklärten und entzauberten Welt von heute die Sache etwas anders aus:

Der Mensch ist nicht mehr das Zentrum der Dinge sondern nur ein Tier unter Tieren, die Erde lediglich ein Staubkorn in einem gleichgültigen Universum. Doch der Mensch ist nach wie vor um sich besorgt. Dem Nihilisten bleibt die Trauer um die nicht eingelösten metaphysischen Versprechungen der Religion und eine Hinwendung zum Hedonismus; gewissermaßen eine unermüdliche Suche nach immer neuen Sinneserfahrungen in der Hoffnung, daß man am Ende des Lebens wenigstens alles ausgekostet hat, was die Welt bieten kann. So erklärt sich auch unsere "Erlebnisgesellschaft".
Auf der anderen Seite hingegen stehen diejenigen, die die metaphysischen Leerstellen erneut aufzufüllen versuchen. Die Methode ist dabei die des Mythos: es werden diverse Phänomene durch die "Autoritäten" die die Nachfolge der Priesterkaste angetreten haben in Sprache gefasst und anschließend Systeme aus Opfer und Entsagung kreiert. Ersatzreligionen sind das Resultat. Für uns interessant ist hierbei vor allem die Funktion des Nichtrauchertums als eine solche trostspendende (sich als "stark" etc. bezeichnende) Gemeinschaft.

Für einen Anhänger der "Erlebniskultur" sind neben extremer (also die Sinne übermäßig stimulierender) Kunst und Sex vor allem Rauschmittel aller Art gern gewählte und äußerst probate Mittel zum Herbeiführen von über das alltägliche Maß hinausgehenden Zuständen. Für die Leerstellenfüller und Sinnsucher sind die genannten "Trostpflaster" daher ein Ärgernis, da sie den Menschen nihilistisch-hedonistisch, also dekadent werden lassen. Die Lückenfüller hingegen streben nach einem höheren Sinn und Zweck des vergeblichen Daseins, nach Kontrolle und Selbstkontrolle - extrem ausgedrückt sind sie ihrem Wesen nach Faschisten (also verkappte Romantiker mit Hang zum pathetisch-heroischen und zum Größenwahn).
Vordringliches Ziel auf dem Weg zur neuen scheinmetaphysisch sinnerfüllten Welt muss daher zunächst die Beschneidung der Erlebniskultur sein. Man sieht das an den leidenschaftlich geführten Debatten über Film- und Computerspielezensur, in denen die Tatsache verschleiert wird, daß das Erlebnis eines "Gewaltfilmes" wie "The Passion of the Christ" oder seinem für unsere Zeit ungleich bedeutsameren säkularen Gegenstück "Martyrs" ähnlich wie die griechische Tragödie den Zweck verfolgt, die Realität von Abu Ghraib, eine Welt der Fritzls und Priklopils durch eine Reinigung der Affekte wieder irgendwie erträglich zu machen. Oder daß First-Person-Shooter der Reise des Helden durch das Labyrinth entsprechen, also einen Passageritus darstellen. Oder eben daß Drogen aller Art eben nicht ausschließlich süchtigmachende und schädliche Substanzen sind.
Vielmehr soll die (Selbst-)Tröstung des Individuums geradezu vorsätzlich verhindert werden. Es soll den neuen Schamanen und ihren Schreckensgleichnissen von Krankheit und Tod, vom Klimawandel, Terror und Amokläufen schutzlos ausgeliefert sein und den Trost aus den von "Experten" verordneten Bußen und Lebensregeln schöpfen.

Nun kann man einwenden, daß den Menschendie Produkte der Erlebniskultur und der Unterhaltungsindustrie ja ebenfalls von oben her vorgesetzt werden. Das stimmt! Man kann sogar feststellen, daß diese Produkte so konzipiert sind, daß sie die Lust auf die nächste Sinneserfahrung beständig anheizen, z. B. durch die Filmtrailer im Kino, die immer schon die nächste Sensation ankündigen.

Trotzdem ist es im Idealfall immer noch das einzelne Individuum, das entscheidet, welchen Sinnesreizen es sich als nächstes hinzugeben gedenkt. Die Auswahl der zahlreichen Produkte, die uns das Leben erträglich machen (von der Mode bis zur Zahnpasta oder eben der Zigarettenmarke) ist Ausdruck unserer ureigenen Individualität, geradezu ein Erkennungsmerkmal. Sage mir, welche Band du hörst, und ich sage dir, wer du bist. (Diese Pseudoindividualität - Markenfetischismus wenn man so will - haben wir ebenfalls dem calvinistischen Erbe des Kapitalismus zu verdanken. Konsum ist nämlich auch dem Puritaner sinnvoll und erwünscht - lediglich genießen darf man nicht).

Wer daher in die Konsumgewohnheiten eingreift, greift in nicht abzuschätzendem Ausmaß letztlich in den individuellen Persönlichkeitsentwurf ein und beraubt den Menschen seiner Ausdrucksmittel. Die Troststrategie der selbsternannten Sinnstifter ist daher eine kollektivistische Gleichschaltung des Konsums und damit der Individuen.

Raucher sind in einem solchen Weltbild nur noch ein einziges lästiges "Vanitas!" - ein ärgerliches Memento Mori für die rauchfreien Apologeten der verwalteten und restlos ökonomisierten Welt.
« Zuletzt geändert: 28.04.10 um 22:59:10 von Coma_Black »  
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