Normales Thema Bewegt sich da was? Und wenn ja, in welche Richtung? (Gelesen: 216 mal)
xila
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... hat meistens recht
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Bewegt sich da was? Und wenn ja, in welche Richtung?
15.05.16 um 11:41:41
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Ich meine: Bewegt sich gerade etwas in unserer politischen und gesellschaftlichen Grundstimmung? Mir ging diese Frage jedenfalls gerade durch den Kopf, als ich einen Bericht des Schweizer Tagesanzeigers über den auffallenden Wandel bei "BILD" gelesen habe: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/boulevard-der-anstaendigen/story/2191...

Vielleicht bin ich ja nicht die einzige, die sich über unser aller Revolverblatt in der Flüchtlingskrise gewundert hat, weil die BILD von Beginn an kompromißlos "Refugees welcome" zu ihrem Leitmotiv gemacht hat. Eigentlich hätte es nach allen Erfahrungswerten viel mehr zu ihr gepaßt, mit dem Schüren von Panik Schlagzeilen zu machen, wie das Boulevardblätter in ganz Europa sonst so getan haben. BILD hat wohl auch dadurch Leser verloren, ohne aber deshalb wieder auf den populäreren Kurs umzuschwenken.

Egal, was ihr über die Flüchtlingskrise jeweils selbst für eine Meinung habt: Das - nämlich eine bestimmte Haltung zu vertreten und auch dann bei ihr zu bleiben, wenn man sich bei der eigenen Zielgruppe populärer machen könnte, indem man sie ändert - ist eine Qualität, mit der die BILD sich nicht nur von ihrem früheren Selbst (sie war in den meisten Fragen opportunistisch) unterscheidet, sondern auch von allen anderen Medien, wie sie jetzt sind. Nicht zuletzt beweist es auch erstaunlich viel Respekt vor den Lesern, wenn man ihnen nicht einfach nach dem Mund redet, um sie bei Laune zu halten. (Der letzte Satz hört sich auch in meinen Ohren äußerst seltsam an, wenn ich mir ausgerechnet die BILD-Zeitung dazudenke, aber trotzdem ist es halt so.)

Mir fällt auf, daß sich auch in der Politik gerade etwas in den Köpfen zu verändern scheint, die Entscheidung, das nächtliche Alkoholverkaufsverbot in BW aufzuheben, ist eines von mehreren größtenteils kleineren Anzeichen dafür. Die zeitliche Begrenzung der Leiharbeit ist eines der anderen Anzeichen. Die SPD scheint wieder mehr nach links zu rutschen, auch wenn sie noch weit davon entfernt ist, ehrlich zuzugeben, daß die Agenda 2010 - in der Form, in der sie beschlossen und umgesetzt wurde - ein Verrat an ihrer eigenen Wählerschaft war, der sie völlig zu Recht auf den Weg geführt hat, eine bedeutungslose Splitterpartei zu werden, wenn sie bleibt, wie sie jetzt ist. Sollte die CDU, wie man jüngst ja ebenfalls las, sich tendenziell auch wieder nach rechts bewegen, wäre das auch kein Schaden, sondern endlich ein bißchen weniger Gedrängel in der Mitte. Die Grünen wiederum wollen neuerdings keine Verbotspartei mehr sein und die Leute vor Bevormundung schützen.

Hat die BILD vielleicht sogar als erstes von unseren Medien die Zeichen der Zeit erkannt und sich deshalb entsprechend positioniert? Daß es die weltanschauliche Beliebigkeit beim Hecheln nach den auflagenträchtigsten Schlagzeilen ist, mit denen sich die Medien selbst über kurz oder lang das Wasser abgraben werden, sondern die auch als Basis der Politik unserem politischen System eines Tages noch das Kreuz brechen kann? Falls das so sein und die BILD damit erfolgreich genug sein sollte, daß das von anderen Medien aufgegriffen wird, wäre das keine Kleinigkeit. Auch für uns nicht. Es wäre ein Schritt weg von einer falsch verstandenen Marktwirtschaftslogik, indem die kurzfristig bessere Verkäuflichkeit nicht mehr als Maß aller Dinge gilt. Eine Variante dieser Wirtschaftswissenschaftler-Denkweise wurde auch dem Kampf gegen das Rauchen zugrunde gelegt, in dem nur eine Rolle spielt, was gezählt, gewogen oder gemessen werden kann (und die Richtigkeit der Messung noch nicht einmal hinterfragt werden darf), während man all das, was in dieses Raster nicht paßt, einfach unter den Tisch fallen läßt.

Eine Pointe, die mir ebenfalls gefällt, noch zum Schluß: Chefredakteur von bild.de ist Quote:
... Julian Reichelt (35), kantiges Gesicht, Designerbrille, Dreitagebart, Jeans. Er raucht (wo darf man das überhaupt noch?) im behelfsmässig eingerichteten Büro mit Blick auf die Stadt, redet ruhig, während sein Handy unentwegt fiept, ohne beachtet zu werden.


« Zuletzt geändert: 15.05.16 um 18:28:00 von xila »  

Unwillkommene Tatbestände sind von einer unbeweglichen Hartnäckigkeit, die durch nichts außer der glatten Lüge erschüttert werden kann. (Hannah Arendt)
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